Meine Dimensionen driften auseinander zwischen gesehen werden und selbst sehen.
Ein Teil von mir steht bereits im Licht, still und deutlich umrissen, während ein anderer noch durch die Schatten wandert, tastend, suchend, als hätte er die Helligkeit noch nicht ganz erreicht. Augen fallen auf mich wie ein leiser Regen. Sie berühren meine Oberfläche, sammeln Eindrücke, formen Bilder aus dem, was sie erkennen können, doch was sie sehen, ist nicht wirklich mein Gesicht.
Es ist nur eine Form im Licht ihres Blickes, eine flüchtige Gestalt, die für einen Augenblick entsteht und ebenso schnell wieder vergeht. Denn in mir wachsen Räume, die kein Blick erreicht.
Weite Zimmer aus Gedanken öffnen sich hinter stillen Türen. Lange Flure ziehen sich durch Erinnerungen, Erlebten und Möglichkeiten, durch Fragen, die noch keinen Namen tragen. Dort hallen Schritte, die niemand hört und in den Wänden sammelt sich eine Stille, die nur ich kenne.
Manchmal frage ich mich, wie viel von mir überhaupt gesehen werden kann. Wie viel eines Menschen bleibt verborgen, selbst wenn tausend Augen auf ihm ruhen. Vielleicht ist jeder Mensch ein Haus mit vielen Zimmern, mit Fenstern, die nur von innen geöffnet werden können. Doch die meisten Besucher bleiben im Eingangsbereich stehen und glauben bereits, das Ganze gesehen zu haben. So stehe ich im Zwischenraum der Wahrnehmung, halb ein Bild in den Augen der anderen, geformt aus ihren Erwartungen, ihren Erinnerungen, ihren flüchtigen Gedanken, halb ein Geheimnis in mir selbst, still wachsend und noch nicht ganz verstanden, selbst von mir.
Zwischen Blick und Spiegel entsteht eine leise Stille. Der Blick der anderen erzählt mir, wer ich sein könnte, der Spiegel fragt mich, wer ich wirklich bin, und irgendwo zwischen diesen beiden Stimmen suche ich nach einer Form, die nicht nur eine Projektion ist, sondern etwas Eigenes, etwas Wahrhaftiges. Vielleicht ist Identität kein fester Umriss. Vielleicht ist sie eher eine Farbe, eine Farbe, die sich verändert, wenn das Licht sich verändert. Manchmal hell und klar wie ein Morgen, manchmal tief und dunkel wie ein Abendhimmel. Manchmal weich verlaufend wie Aquarell auf nassem Papier, manchmal kräftig wie ein Strich, der nicht mehr zurückgenommen werden kann. In mir sammeln sich Schichten von Farben, die blassen Töne alter Erinnerungen, die warmen Farben von Momenten, in denen ich mich selbst gespürt habe, und die dunkleren Schatten all jener Zeiten, in denen ich mich verloren glaubte, dazwischen leuchten kleine, unerwartete Nuancen, die ich erst entdecke, wenn ich still genug werde, um hinzusehen.
Vielleicht sehen andere nur eine einzige Farbe an mir, ein einfaches Bild, einen schnellen Eindruck, einen Ton, den sie mir zuschreiben. Doch in mir mischen sich unzählige Schattierungen, überlagern sich, verändern sich, fließen ineinander wie Farben auf einer Leinwand, die noch nicht fertig gemalt ist, so gehe ich weiter durch meine inneren Räume, manchmal im Licht, manchmal im Schatten, manchmal klar erkennbar, manchmal nur ein leises Gefühl.
Irgendwo zwischen all dem geduldigen Suchen weiß nur ich, welche Farben wirklich meine sind, welche Töne aus mir selbst entstehen und welche nur das Licht anderer Blicke widerspiegeln. Vielleicht ist mein wahres Gesicht keine feste Form, vielleicht ist es ein Bild aus Farben, das sich langsam, Schicht für Schicht, aus mir selbst heraus malt.
